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Wahrheit und Wahrnehmung

Wenn wir etwas Wahrnehmen, durch unsere Sinne zur Kenntnis nehmen, etwas bemerken, dann erwarten wir, dass wir es als „wahr“ „nehmen“ können. Wenn wir etwas (be-)wahren wollen, dann bedeutet dies, dass wir es hüten oder schützen wollen. Wir wollen acht nehmen, achten, beachten. Ist es uns wichtig, Wahrheit zu achten, Vertrauen zu haben, aufrichtig zu sein? Wann ist etwas „wahr“ (für jemanden)? Ist Wahrheit interpretierbar? Warum zerrinnt uns die Wahrheit dahin wie schmelzende Gletscher und fließt in ein Meer von Relativität? Wie wertvoll erachten wir Wahrheit?

Wahr oder falsch? Richtig oder falsch?
Wahr oder unwahr? Wahrheit oder Lüge?

von Dietmar Helmer 2020-11-09

Fragen stellen, aber wie?

Welcher Gegensatz darf verwendet werden und wann? Schon die Fragestellung kann dazu führen, dass sich die besprechenden Parteien nicht verstehen. Wenn wir aber schon bei der Frage unterschiedlicher Auffassung sind, wie sollen dann Lösungen gefunden werden? Es ist eben nicht einfach, „für etwas“ oder „gegen etwas“ zu sein, wenn man sich nicht die Zeit nimmt, zu prüfen, wer etwas wann, wie, warum, zu welchem Zweck und in welchem Kontext gesagt hat.

Wortbedeutung, ist das wichtig?

Etymologie ist die „Lehre von der Herkunft und Entwicklung der Wörter“. Ich würde sagen, die „Wissenschaft der Sprachbedeutung“. Worte entwickeln sich und werden in neuem Kontext oder im Zeitenwandel umgedeutet und neu interpretiert. Um den Kontext im nachfolgenden Text zu verstehen, definiere ich die in der Überschrift genannten Worte im Anschluss zu diesem Text.

DIE Wahrheit kennen?

Wir fragen uns in dieser Zeit immer mehr, was wahr oder falsch ist. Jede Seite behauptet für sich, DIE Wahrheit zu kennen. Jede Seite sagt der Anderen, sie liege falsch. Warum verlieren wir zusehends das Gespür dafür, was wahr oder unwahr, was richtig oder falsch ist?

Liegt es am Zeitaufwand, an der Wichtigkeit des Themas, am Willen, etwas wirklich wissen zu wollen, an unserer Gleichgültigkeit, unserer Oberflächlichkeit, unserem „Viel-beschäftigt-sein“, an der Komplexität des Seins?

Ist denn der Ansatz von „wahr oder falsch“ richtig? Reicht es in den meisten Fällen nicht schon aus, wenn wir „wissen“, dass etwas „wahrscheinlich“ ist? Warum sagen wir, dass etwas „wahr-scheinlich“ ist. Warum ist etwas nicht „falsch-scheinlich“. Wir sagen unwahr und unrichtig. Wir sagen nicht „unfalsch“. Vielleicht liegt es daran, dass etwas so lange wahr ist, bis es widerlegt wurde, eben unrichtig ist. Experimentell kann man wahrscheinlich nicht beweisen, dass etwas wahr oder richtig ist. Man kann aber beweisen, dass etwas falsch ist.

WER sagt die Wahrheit?

Wenn uns etwas gesagt wird, neigen wir dazu, es zu glauben. Wir unterstellen insbesondere Kompetenzträgern (Wissenschaftler, Politiker, Führungskräfte, Medien, Richter, Verwaltung etc.), Freunden und Verwandten, dass diese Menschen uns bewusst nichts „falsches“ sagen würden. Wir haben aber Intuition (Eingebung, ahnendes Erfassen, Erkenntnis ohne wissenschaftliche Einsicht). Ein Gespür dafür, dass etwas nicht so ist oder sein kann, wie es uns suggeriert wird. (bestimmte Vorstellungen und Gefühle bei einem Menschen hervorrufen, seinen Willen beeinflussen)

Glauben und Wissen

Wollen wir etwas glauben oder wollen wir etwas wissen? Im Glauben sind Dinge und Empfindungen wahr, die wir für wichtig finden, dass sie wahr sein sollen. Das ist gut so. Es macht uns als Menschen aus, nicht alles mit dem Verstand erklären zu wollen. Religiös oder mystisch zu sein, Gefühle für etwas Unerklärliches zu haben, das ist wichtig. Wenn aber Metaphysik (idealistische philosophische Lehre von den jenseits der sinnlich wahrnehmbaren Welt angenommenen Erscheinungen und Zusammenhängen) in der Naturwissenschaft Einzug finden sollte, dann wird es problematisch.

Wenn Verschwörungstheorien vermeintlich wissenschaftlich begründet werden und Fake News ungefiltert als wahr anerkannt werden, ohne sich die Zeit zu nehmen, wenigstens nach der „Wahrscheinlichkeit“ zu fragen, dann wird es schwierig.

Gibt es einen menschengemachten Klimawandel?

Das fängt mit Fragen an wie: „Gibt es aktuell einen Klimawandel?“ Bereits das wird von vielen Menschen geleugnet. Stellen wir die Frage so: „Gibt es mit einer hohen Wahrscheinlichkeit aktuell einen Klimawandel?“ Vielleicht würde mancher Klimaleugner zumindest darüber nachdenken, ob es wissenschaftlich begründbare Argumente für diese These gibt. 

Schwieriger wird es schon, wenn man den menschlichen Faktor einbindet: „Gibt es einen durch menschliche Einflüsse verursachten Klimawandel?“ Oder: „Gibt es einen mit hoher Wahrscheinlichkeit durch menschliche Einflüsse verursachten Klimawandel?“ Wenn wir so fragen, würde das die Skepsis zu so wichtigen Themen wie dem Klimawandel reduzieren?

In der Naturwissenschaft und der Mathematik kann man vieles zu 100% sicher erklären. Manches aber eben auch nicht. Es gibt ungeklärte mathematische Rätsel, Paradoxien, ungeklärte naturwissenschaftliche Aussagen. Deswegen werden viele Themen auch Theorien oder gar nur Hypothesen genannt.

Man kann in vielen Fällen sagen, dass eine Theorie richtig ist, solange, bis der Beweis erbracht wurde, dass sie falsch ist. Das ist interessant. Ich kann nicht unbedingt sagen, dass etwas 100% richtig ist. Ich kann aber sagen, es ist falsch, wenn ich bewiesen habe, dass es falsch ist.

Die Relativitätstheorie und deren Beweisführung

Die Relativitätstheorie von 1905/1915 wird von fast allen Wissenschaftlern mittlerweile mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit als richtig anerkannt. Nicht weil man bewiesen hat, dass sie richtig ist. Sondern weil man bis heute nicht beweisen konnte, dass sie falsch ist. Die Theorie ist unvollständig, das wusste auch Einstein. Aber alles, was bisher zur Relativitätstheorie (oder sollte man besser Gravitationstheorie sagen?) bekannt ist, hat sich als wahr oder sehr wahrscheinlich wahr herausgestellt. Im Jahr 2017 gab es für den Nachweis der Gravitationswellen den Physiknobelpreis. Einstein hatte zu seiner Zeit keine Möglichkeit, zu beweisen, dass er Recht hatte. Das ist technisch erst heutzutage möglich. Was hätten wir gewonnen, wenn man nicht an diese Vorhersage geglaubt hätte? Ist es nicht grandios, wenn man eine Erkenntnis hat, die man zwar nicht beweisen kann, die aber wahr ist? Welchen Erkenntnisgewinn haben wir, wenn wir Unwahrheiten verbreiten? Bewusst Fake News verbreiten?

Müssen wir alles verstehen um etwas zu erkennen?

Müssen wir die Relativitätstheorie verstehen, um zu „wissen“ dass sie stimmen könnte und wahrscheinlich in weitesten Teilen tatsächlich stimmt? Muss ich die Technik eines Smartphones, die Algorithmen der Software verstehen, um zu wissen, dass ich mit dem Gerät und den Apps viele sinnvolle, spannende aber auch unvernünftige Dinge machen kann?

Muss ich wissen, wie die Technik in meinem Auto funktioniert, um sicher zu sein, dass sie fast immer richtig funktioniert, wenn ich eine bestimmte Handlung durchführe?

Warum argumentieren wir beim Klimawandel anders herum? „Wir müssen erst zu 100% sicher sein, dass es einen menschengemachten Klimawandel gibt!“ Nein, müssen wir nicht! Wir wollen doch, dass der Klimawandel gar nicht in dieser Heftigkeit eintritt, wie er wahrscheinlich eintreten wird, wenn wir nichts tun? Oder wollen wir das Experiment wagen, den Klimawandel mit voller Wucht zu erleben? Ach ja, wir, die wir heute leben, werden das natürlich nicht erleben. Das werden eventuell unsere Kinder, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit aber unsere Enkelgenerationen.

Warum sind wir mehrheitlich nicht bereit, auf die Fragestellung „Gibt es mit hoher Wahrscheinlichkeit einen aktuellen Klimawandel, der (sehr) wahrscheinlich durch menschlichen Einfluss (mit-)verursacht wird?“ angemessen zu reagieren?

Warum wollen wir bremsen, wenn Vollgas auch geht?

Wenn die Bremse an meinem Auto nicht richtig funktioniert, dann begebe ich mich mit dem Auto in die Werkstatt, um das nachprüfen zu lassen. Denn mit einer von mir vermuteten Wahrscheinlichkeit, könnte ich einen Unfall bauen, weil die Bremse versagt.

Warum die Bremse defekt ist, weiß ich nicht, das bringt die Analyse zu Tage. Aber ich habe reagiert, weil ich vermute, dass meine Gesundheit oder mein Leben oder die eines Dritten gefährdet sein könnten, wenn ich auf die Vermutung eines Schadens am Bremssystem nicht angemessen reagiere.

Wenn ich in ein Gewässer springe, ohne schwimmen zu können, wie wahrscheinlich ist es, dass ich ertrinke? Kommt Hilfe, um mich zu retten, habe ich Hilfsmittel, die mich retten könnten? Stelle ich diese Fragen, bevor ich springe oder erst wenn ich bereits im Wasser bin?

Grenzen und Wahrscheinlichkeiten

Warum testen wir die Grenzen des sehr wahrscheinlich unangenehm auf die Menschheit und die Flora und Fauna wirkenden Klimawandels aus? Was treibt uns zu dieser Ignoranz? Weil es nicht die Wahrheit ist? Was soll falsch daran sein, zu glauben, dass tausende von wissenschaftlichen Analysen mit hoher Wahrscheinlichkeit belegt haben, dass es einen aktuellen Klimawandel gibt. Steigende Temperaturen sind Realität, steigende Meeresspiegel sind Realität, schmelzende Eismassen sind Realität, das rasante Artensterben ist Realität.

Denken in Alternativen

Wenn wir keine Alternativen zu unserem heutigen Lebensstil hätten, dann könnte man darauf kommen, die „Party“ weiter laufen zu lassen bis zum Schluss. Wir haben aber Alternativen zu Öl, Gas und Kohle. Das sind erneuerbare Energien. Wenn das CO2, das wir Menschen in riesigen Mengen aus den fossilen Energieträgern freisetzen, eine der ganz wesentlichen Hauptursachen für den aktuellen Klimawandel ist, dann sollten wir die Möglichkeiten der Alternativen nutzen.

Als wir das Auto erfunden hatten, haben wir Pferde und Pferdekutschen nicht abgeschafft. Auch heute dienen sie als Transportmittel und Freizeitvergnügen, kommen bei der Waldbewirtschaftung sogar zu wiederentdeckten wirtschaftlichen und nachhaltigen Nutzungen. Wollten wir heute die Pferdekutsche als Massentransportmittel benutzen? Dann wäre auch die Diskussion um ein Tempolimit anders zu führen.

Wir können uns ein Leben ohne Automobile kaum mehr vorstellen. Zu viele Vorteile sind mit der individualisierten Fortbewegung über große Strecken verbunden. Wir reden beim Klimawandel aber nicht darüber, ob wir künftig Auto fahren dürfen oder können, sondern mit welchem Antrieb wir das künftig tun. Egal welche Varianten von Automobilen es sein werden, sie müssen auf jeden Fall nahezu CO2-emissionsfrei sein. Daneben werden wir Mobilität und Verkehr neu denken. Und es wird Freude machen, etwas anders zu machen. Zu entdecken, was möglich ist.

Wahr oder falsch? Ist das die richtige Frage?

„Wann ist etwas wahr, wann ist etwas falsch?“ Ist das die richtige Frage? Fragen wir: „Wie wahrscheinlich ist etwas wahr, richtig oder falsch?“ Kommen wir dann wieder mehr in eine Diskussion, anstatt konfrontativ zu sein? Lösungen zu suchen, statt Schwierigkeiten in den Vordergrund zu stellen?

„In der Mitte von Schwierigkeiten liegen die Möglichkeiten“, sagte bereits Einstein*. Wenn wir die Schwierigkeiten benennen, dann finden wir auch dafür Lösungen. Wir müssten aber bereit sein, nachhaltig zu denken – ökonomisch, ökologisch und sozial. Dazu bedarf es eines rechtlichen und ordnungspolitischen Rahmens. Nachhaltige Marktwirtschaft ist eine Theorie, die es möglich machen kann, die Auswirkungen des Klimawandels zu reduzieren. Gestalten wir die Zukunft selbst. Die Naturgewalten gestalten bereits. Sie schaffen auch MIT den Klimagasen ein neues Gleichgewicht, das unsere Lebensgrundlagen allerdings deutlich verändern wird. Mit hoher Wahrscheinlichkeit.

Ihr Dietmar Helmer, 09.11.2020

*Warum erwähne ich Einstein? Er hat im Jahr 1921 den Nobelpreis für die Entdeckung des photoelektrischen Effekts erhalten. Das Verständnis vom Licht war die Grundvoraussetzung für die Entwicklung von Solarstrom. 100% erneuerbare Energie. Schade, dass es so große Widerstände in Wirtschaft, Finanzindustrie, Politik und Gesellschaft gegen eine lebenswerte Zukunft gibt. Zum 100jährigen Jubiläum der Nobelpreisverleihung wäre es schön gewesen, 100% erneuerbare Energien bereit zu stellen. Möglich wäre es gewesen. Wahrscheinlich war es nicht. Im Jahr 2005 stellte ich folgende Frage:Ist es nicht ein schönes Ziel, in 16 Jahren zum 100sten Jahr der Preisverleihung, eine der friedlichsten Revolutionen der Weltgeschichte begonnen zu haben indem alle Menschen dieser Welt die Chance haben, unabhängigen, kostengünstigen, dezentralen und umweltschonenden Zugang zu Energie zu haben?“ Möglich ist es immer noch. Wahrscheinlicher ist es auch geworden. Notwendig sowieso. Also los – zum 125igsten Jubiläum könnte es soweit sein, wenigstens zu 90%. Wenn wir es wollen.

Wahr oder falsch? Richtig oder falsch? Wahr oder unwahr?
Wahrheit oder Lüge? Quelle der Wortbedeutungen DWDS

Wahrscheinlichkeit (Probabilität)

Wahrscheinlichkeit bedeutet, dass scheinbar etwas sein wird. Es ist aber nicht DIE Wirklichkeit, sondern nur EINE mögliche Wirklichkeit. Mathematisch kann man herausfinden, wann etwas mit geringer oder hoher Wahrscheinlichkeit eintritt. Danach richten wir oft unser Handeln aus.

Es ist wahrscheinlicher, nicht überfahren zu werden, wenn ich über eine grüne Ampel gehe, wie wenn ich über eine rote Ampel gehe. Die Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit hängt z.B. davon ab, wo (z.B. Hauptverkehrsstraße) oder wann (z.B. Tag oder Nacht) ich das tue. Dann ändern sich auch die Wahrscheinlichkeiten.

Demnach ist diese Aussage falsch: „Wenn ich über eine rote Ampel gehe, werde ich überfahren.“ Es ist nur eine Möglichkeit. Richtig wäre eine Aussage wie: „Wenn ich zur Hauptverkehrszeit über eine viel befahrene Straße über eine rote Ampel gehe, habe ich eine relativ hohe Wahrscheinlichkeit, von einem Auto überfahren zu werden.“