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Wie entwickeln sich Verschwörungstheorien, Verschwörungsmythen?
Wie entwickelt sich Wissenschaftsleugnung?

zum Artikel: Wissenschaft und Wahrheit - Studien und Wissenschaft
zum Artikel: Wahr oder falsch? Richtig oder falsch? Wahr oder unwahr? Wahrheit oder Lüge?

von Dietmar Helmer 2020-12-08

CONSPIR und PLURV

Es gibt zwei wesentliche Erklärungsansätze, wie Verschwörungserzählungen, Verschwörungsmythen funktionieren.
Der eine Ansatz nennt sich „CONSPIR“ (englisch conspire, konspirieren, sich zusammentun, ein Komplott schmieden, sich verschwören).
Der andere Ansatz heißt „PLURV“.
  

Erklärung des Akronyms „CONSPIR“

Hierbei wird von Verschwörungstheoretikern zuerst auf Widersprüchlichkeiten (1) einer Theorie, Handlung, Einstellung etc. hingewiesen. Weil Widersprüche erkennbar sind oder scheinen, wird das Ganze unter Generalverdacht (2) gestellt. Daraus folgend unterstellt man dem Handelnden, Anweisenden oder dem Umstand etc., dass üble Absichten (3) dahinter stehen, wenn etwas getan, unterlassen oder geduldet werden muss. Es wird behauptet, dass etwas an der Sache, dem Umstand, dem Ereignis etc. nicht stimmt (4). Weshalb wird man eingeschränkt, behindert, beeinflusst etc. in dem, was man sonst immer getan, unterlassen oder geduldet hat? Man fühlt sich als Opfer (5) der üblen Absichten. Versuchen die Institutionen oder Personen, die etwas anordnen, anregen oder getan, unterlassen oder geduldet haben, dies zu erklären, gar zu beweisen, die Notwendigkeit zu definieren, die für den Einzelnen möglicherweise unangenehme oder unangemessen erscheinende Handlung, Unterlassung oder Duldungen erfüllen, dann kompromittiert man die Beweise. Der Verschwörungstheoretiker ist immun gegen den Beweis (6). Vielmehr ist die Beweisführung ein weiterer Versuch, die üblen Absichten zu verschleiern. Gibt es dann noch weitere Unklarheiten, weil Zufälligkeiten den Anschein erwecken, dass etwas nicht stimmt, dann interpretiert man diese Zufälligkeiten um (7), damit sie zu der Verschwörungstheorie passen.

Leitfaden Verschwörungstheorien

COMPACT [Comparative Analysis of Conspiracy Theories] [dt. Vergleichende Analyse von Verschwörungstheorien] ist ein von der EU finanziertes Forschungs-netzwerk der COST Action (dt. „Europäische Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Wissenschaft und Technologie“), dem 150 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus ganz Europa angehören, die sich mit den Ursachen und Folgen von Verschwörungstheorien befassen. Für   weitere Informationen: www.conspiracytheories.eu.

Das Handbuch über Verschwörungsmythen - CONSPIR

Verschwörungsmythen schaden der Gesellschaft in mehrfacher Hinsicht. Zum Beispiel nimmt die Bereitschaft der Menschen ab, sich politisch zu engagieren oder ihren CO2-Fußabdruck zu reduzieren, wenn sie Verschwörungsmythen ausgesetzt sind.3 Um diese negativen Auswirkungen zu minimieren, hilft Ihnen dieses Handbuch über Verschwörungsmythen, die folgenden Fragen zu beantworten: Warum sind Verschwörungsmythen so populär? Wie kann man die Merkmale konspirativen Denkens erkennen? Was sind effektive Strategien, um solche Mythen zu entlarven?
Zitieren als: Lewandowsky, S., & Cook, J. (2020). The Conspiracy Theory Handbook.
Available at http://sks.to/conspirac

Es entsteht ein sich selbst verstärkendes Theorem, dass die Verschwörung tatsächlich existiert. Gibt es einen Ausweg aus dieser Kreislaufspirale? Selbstverständlich! Da die „Energie“ für das „Wissen“ um die Verschwörung von außen kommt, braucht es eben eine andere „Energie“ die einen aus diesem Kreislaufdenken der Gedankenisolierung herausholt. Menschen, die sich solchem Denken verfangen, sollten anderen Gedanken eine Chance lassen. 

 CONSPIR

  1. Contradictory - Widersprüchlichkeit
  2. Overriding suspicion - Generalverdacht
  3. Nefarious intent - Üble Absichten
  4. Something must be wrong - Etwas stimmt   nicht
  5. Persecuted Victim - Opferrolle
  6. Immune to Evidence - Immun gegen Beweise
  7. Re-interpreting Randomness -   Zufälligkeiten uminterpretieren

Was du über Verschwörungstheorien wissen solltest

Viele Forschende sprechen nicht von Verschwörungstheorien, sondern von Verschwörungserzählungen oder Verschwörungsmythen. Der Grund: Theorien basieren auf Fakten, die man wissenschaftlich prüfen kann. Wenn die Fakten der Theorie widersprechen, kann man die Theorie anpassen oder verwerfen. Verschwörungserzählungen dagegen können zwar einzelne korrekte Fakten enthalten, die Verbindungen zwischen ihnen und Schlussfolgerungen daraus sind aber erfunden. Ihre Anhänger wollen die Erzählung nicht nachprüfen oder gar korrigieren, wenn es Gegenbeweise gibt.

Deshalb sprechen wir im Folgenden von Verschwörungsmythen oder Verschwörungserzählungen statt von Verschwörungstheorien.
Quelle: Quarks und Co.

Erklärung des Akronyms „PLUVR“ bzw. „FLICC“

Der zweite Erklärungsansatz ist komplexer und umfassender. Das Modell erklärt das Phänomen der Wissenschaftsleugnung im weiteren Sinne und benennt deren fünf Techniken. Dabei sind Verschwörungsmythen eine Technik.

Das Akronym heißt im Englischen „FLICC“ und im Deutschen „PLURV“, hergeleitet von den englischen Begriffen „fake experts“ (Pseudo-Experten), „logical fallacies“ (logische Trugschlüsse), „impossible expectations“ (unerfüllbare Erwartungen), „cherry picking“ (Rosinenpickerei) und „conspiracy theories“ (Verschwörungsmythen).   Quelle: Skeptikal Science 

Skeptical Science ist eine Nonprofit-Organisation mit Schwerpunkt auf wissenschaftlicher Bildung. Das Ziel von Skeptical Science ist zu erklären, was die begutachtete wissenschaftliche Literatur über die globale Erwärmung sagt. Wenn man sich die vielen Argumente der Zweifler an der globalen Erwärmung anschaut, erkennt man schnell ein Muster. Ihre Argumente beschränken sich oft auf kleine Teile des Puzzles und vernachlässigen das komplette Bild.


PLURV Taxonomie und Definitionen

Taxonomie der Merkmale der Wissenschaftsleugnung

 

Hier finden Sie eine Liste mit Beispielen für Verschwörungsmythen und Wissenschaftsleugnung


Die PLURV- oder FLICC-Argumentation geht davon aus, dass so genannte Pseudoexperten erklären, wie sich etwas verhält oder zu sein scheint. Die Pseudos können auch als Masse auftreten, sich als aufgeblähte Minderheit besonders exponieren und eine fingierte Debatte anzetteln.

Die Pseudos arbeiten zunächst mit logischen Trugschlüssen. Bevor sie richtig loslegen mit verfälschten Darstellungen, Mehrdeutigkeiten, übermäßigen Vereinfachungen, falschen Analogien, falschen Fährten und Dammbrüchen, nutzen die Pseudos meisterhaft die Klaviatur des „argumentum ad hominem“.

Die Pseudo-Experten erwecken unerfüllbare Erwartungen, indem sie für komplexe Fragestellungen einfache Lösungen präsentieren. Es wird Rosinenpickerei betrieben.

 

Die Taxonomie der Begriffe von PLURV

finden Sie auf der Website von Skepitcal Science hier.

Die Taxonomie der Begriffe von PLURV

- auf Englisch FLICC - finden Sie auf der Website von Skeptical Science hier.

 

„argumentum ad hominem“

Das „argumentum ad hominem“ sollte man kennen, um zu erkennen, wieso oftmals Diskussionen aus dem Ruder laufen. Allgemein könnte man sagen, es handelt sich um die Verschiebung der Sachebene auf die Personenebene.

Es Verschiebung auf die emotionale Ebene zu nennen, wäre nicht korrekt, da man ein Sachargument durchaus auch mal emotional vortragen kann und darf.

Ein Gedicht
Querdenker?
Denken ist nie verkehrt!?

Wie quer ein Denker sich verquert,
denkt er verquer? Denkt er verkehrt?
Im Denken denkt der Denker nach.
Er sagt sich auch "gemach, gemach!"
"Nicht alles, was ich quer bedenke,
mit dem ich heut' mein Hirn verrenke,
ist quer gedacht, um klug zu handeln,
manch' Geist kann auch im Trüben wandeln."


Niemand kann erwarten, dass Menschen, die sich für Maßnahmen zur Reduzierung des Klimawandels oder zur Vermeidung des Artensterbens einsetzen, emotionslos ihre Sachargumente vortragen und die Gegner von Klimawandel, Umweltschutz und Tierschutz die Emotionen für sich gepachtet haben. Engagement und Emotionen darf es auf beiden Seiten geben. Solange Sachargumente aufgezeigt werden.


Die Beweisrede zum Menschen (argumentum ad hominem)

Die Beweisrede zum Menschen (argumentum ad hominem) bedeutet im Kern nichts anderes, als dass das Argument, die Position oder die These nicht inhaltlich angefochten wird, sondern deshalb nicht korrekt sein kann, weil die vortragende Person wegen seiner Umstände oder Eigenschaften angefochten wird.

Sehr beliebt sind dabei Aussagen zur fehlenden Fachkompetenz oder einer ideologischen Verblendung oder der fehlenden Gruppenzugehörigkeit oder der fehlenden Erfahrungen.

Ist schon deshalb ein Argument per se entwertet? Wir kennen das aus vielen aktuellen Diskussionen zu verschiedenen Themen, wie beispielsweise zum Klimawandel, zu erneuerbaren Energien, zur Elektromobilität oder aktuell auch zur Coronapandemie.

Wer kein Ingenieur für Verbrennungsmotoren ist, kann angeblich nicht fachgerecht über den Nutzen, die Vorteile und Eleganz von Verbrennungsmotoren sprechen. Schon gar nicht im Zusammenhang mit Schadstoffemissionen. Man sollte zusätzlich vielleicht noch Chemiker oder Mediziner sein, um das einschätzen zu können.
Natürlich muss man nicht studiert sein, um zu begreifen, dass "Schadstoffe" Schaden anrichten können. Und es ist kein Expertenwissen notwendig, um zu verstehen, dass Autos, die mit Benzin oder Diesel gefahren werden, beim Verbrennen des Kraftstoffs CO2-Emissionen verursachen.
Der VDI stellt zum Beispiel in seiner neuesten "Vergleichsstudie" zur "Ökobilanz von Autoantrieben" fest, dass Verbrenner im Vergleich zu Elektroautos aktuell sogar umweltfreundlicher seien. Zumindest seien Verbrenner auch in Zukunft nicht umweltschädlicher als Elektroautos.
Schauen wir uns die „Studie“ an dieser Stelle mal genauer an. Sie werden feststellen, wie flexibel diese Forscher mit der Wahrheit umgehen.

Dürfen Autofahrer mitdiskutieren über Verkehrsbeschränkungen im Stadtverkehr zugunsten von Fußgängern und Radfahrern oder dem ÖPNV? Können Fleisch essende Menschen mit Veganern darüber diskutieren, wie tiergerechte Haltung geht und dabei einen gemeinsamen Konsens finden? Wer entscheidet in welchem Kreis über „gesunde“ und klimafreundliche Ernährung?
Die Frage dahinter lautet: „Geht es um die Sache und die Argumente oder um die Person, die diskutiert?

Der kanadische Argumentationstheoretiker Douglas Walton unterteilt das "argumentum ad hominem" in fünf Subtypen.
Quelle1 , Quelle2

a. Direktes ad hominem

Direkter Angriff auf die Person: "Sie sind ein schlechter Mensch. Fake News! Ihnen darf man nicht glauben." In dieser Form wird ad hominem als missbräuchliches ad hominem (abusive ad hominem) bezeichnet.

Es gibt Ausnahmesituationen, in denen ein direktes ad hominem gerechtfertigt sein kann. Walton nennt dies "Direkt Ethotic". Dabei weist das "Ethos" auf die Beschaffenheit gewisser Persönlichkeitsmerkmale des Betreffenden hin.

Diese werden wiederum in fünf Subtypen des Direct (Ethotic) Ad Hominem unterschieden:

  • from Veracity (mangelnde Wahrhaftigkeit)
  • from Prudence (mangelnde Vernunft oder Vorsicht)
  • from Perception (mangelnde Einsicht / Unwissenheit)
  • from Cognitive Skills (mangelnde kognitiven Fähigkeiten)
  • from Morals (mangelnde moralische Grundsätze).

Allen Subtypen ist gemeinsam, dass sie einen spezifischen Aspekt der Persönlichkeit des Kontrahenten als unzureichend für die Vorbringung einer gültigen Argumentation, Behauptung oder Meinung darstellen.


b. Performatives ad hominem

Das performative (eine mit einer sprachlichen Äußerung beschriebene Handlung zugleich vollziehend) ad hominem (circumstantial ad hominem) wurde in der Vergangenheit teilweise so breit ausgelegt, dass es schwierig war, zwischen diesem und dem missbräuchlichen ad hominem zu unterscheiden.

Walton bestimmt diesen Subtyp folgendermaßen: "Der Indizientypus des ad hominem-Arguments erfordert eine Art praktische Inkonsistenz zwischen dem, was ein Argumentierender sagt, und einigen Aussagen, die direkt oder indirekt durch die persönlichen Umstände dieses Argumentierenden ausgedrückt werden".

Es geht hierbei um die "Berechtigung" des Argumentierenden, etwas zu beurteilen. Jemand sagt zu einem Dritten: "Du musst mehr Sport machen." Selber ist man aber ein "Coach-Potato" Oder: "Höre auf, zu rauchen!" obwohl man selber raucht.

c. Befangenheits-ad-hominem

Das Befangenheits-ad-hominem (bias ad hominem) unterstellt, dass jemand nur aus eigennützigen Motiven etwas behauptet. Die Person wird als befangen erklärt und kann schon deshalb nicht wahrheitsgemäß oder Gemeinwohl orientiert argumentieren.


d. poisoning the well (Totschlagsargument)

Die Brunnenvergiftung (poisoning the well) ist eine Verschärfung des Befangenheits-ad-hominem. Die Befangenheit des Argumentierenden wird als gesichert dargestellt. Man macht den Gegner moralisch verächtlich und stellt Zusammenhänge dar, die möglicherweise nicht stimmen. Es gilt: "Semper aliquid haeret!" „Etwas bleibt immer hängen."


e. Tu quoque  (du ebenso)

Hierbei wird das Argument an den Gegner zurückgegeben. "Sage du mir nicht, dass ich mehr Sport machen soll, solange du dich selbst nicht bewegst."


Fazit

Wer sich einer Gruppe zugehörig fühlt, ist nicht schon deshalb disqualifiziert. Ein Ingenieur für Verbrennungsmotoren wird grundsätzlich die Vorzüge dieser Technik preisen. Solange die Argumente qualitativ korrekt sind, ist das auch in Ordnung. Werden hierbei Fragen eröffnet wie zum Klimaschutz, der Schadstoffbelastungen, des Lärms, dann geht es eben nicht mehr nur um die Technik, sondern auch um gesellschaftliche, gesundheitliche und andere übergeordnete Fragestellungen.

 

Der VDI hat beispielsweise in einer Studie zur Antriebsart von Autos „wissenschaftlich“ begründet herausfinden lassen, dass heutige Dieselfahrzeuge umweltfreundlicher seien, als Elektroautos und in Zukunft mindestens genauso umweltfreundlich seien, als andere Antriebsarten. Dass die "Forscher" dabei veraltete Daten nehmen, dass Sie "Vergleiche" wählen, die man bestenfalls als "schräg" benennen kann.

Wie sagen diese "Forscher" selbst in ihrer "Studie", Zitat: "Die hinterlegten Annahmen und die Qualität der Eingangsgrößen entscheiden über das Ergebnis. Es wird nur ein anderer Untersuchungsrahmen, andere Randbedingungen oder andere Basisdaten verwendet."
Dass dabei Fakten und statistische Daten anders interpretiert werden, wie es eine umfassende wissenschaftliche Gesamtbetrachtung erfordern würde, ist aus Sicht der beauftragten Forscher für Verbrennungstechnologien verständlich, aus wissenschaftlicher Sicht aber zumindest als fragwürdig zu betrachten. Schauen wir uns deren Argumente an und betrachten die Gegenargumente. Hier geht es zur Vergleichsanalyse der Studie.

Es handelt sich nicht schon allein deswegen um ein „argumentum ad hominem“, wenn man den beruflichen Hintergrund eines Diskutierenden darstellt. Vielmehr zeigt man damit auf, dass die Forscher bei der vorgenannten VDI-Studie "Ökobilanz von Pkws mit verschiedenen Antriebssystemen", die nötige Fachkompetenz haben oder haben können, um eine wissenschaftlich umfassende und alle Aspekte berücksichtigende Studie zu verfassen. Wenn Argumente unter der Voraussetzung „ceteris paribus“ („im Übrigen gleich(bleibend)“ – ein Faktor ändert sich, alles andere bleibt konstant) genutzt werden, gibt es selbstverständlich Verzerrungen in der Darstellung. Wenn der Beweisführende mutmaßlich bereits im Vorfeld festlegt, was das Ergebnis sein soll, kann dieser mit den Parametern so arbeiten, dass das gewünschte Ergebnis auch erzielt wird. Das bedeutet nicht, dass die Daten „falsch“ sind. Sie sind nur „unvollständig“ und "anders interpretiert".